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Kuba: «Die Familien brechen auseinander»

Fünfzig Jahre Kommunismus im Karibikstaat Kuba, Landflucht junger Menschen und Familien ohne Väter

Pater Jean Pichon aus der Gemeinschaft „Sankt Martin“

Kuba ist seit einem halben Jahrhundert von einer kommunistischen Herrschaft geprägt. Die wirtschaftliche Lage in dem Karibikstaat ist herausfordernd und vor allem junge Menschen verlassen das Land. Das hat auch Folgen für das traditionelle Familienbild auf der Insel. Pater Jean Pichon aus der Gemeinschaft „Sankt Martin“ stammt aus Frankreich und ist Pfarrer in der Diözese Santa Clara im Zentrum Kubas. Das internationale Hilfswerk «Kirche in Not (ACN)» unterstützt ihn bei Evangelisierungsprojekten. Im Jahr 2018 wurden Projekte auf Kuba mit über einer Million Schweizer Franken unterstützt. Die Fragen im folgenden Interview an den Priester stellte Thomas Oswald aus dem französischen Büro des Hilfswerks.

Thomas Oswald: Wie sehen Sie heute die kubanische Gesellschaft?

Ein kleiner Laden am Strassenrand, Kuba

Pater Jean Pichon: Die Kubaner werden zwischen steigenden Lebenshaltungskosten und sinkenden Löhnen und Gehältern, die gegenwärtig bei 20-30 US-$ pro Monat stagnieren, in die Zange genommen. Zahlreiche Kubaner sind ins Ausland gezogen, insbesondere nach Spanien. Das trägt dazu bei, die Familien zu zersprengen und zerrüttet die gesellschaftliche Bindung innerhalb des Landes. Jenseits der wirtschaftlichen Fragen, die natürlich bedeutsam sind, glaube ich, dass das Hauptproblem in Kuba darin liegt, dass die Familie zusammengebrochen ist. Es gibt keine Vaterfigur mehr.

Thomas Oswald: Sie sagen, dass die Familie, und insbesondere die Vaterschaft, in Kuba geschwächt sind. Wie würden Sie das erklären?

Ein Monument von Fidel Castro in Cienfuegos, Kuba

Pater Jean Pichon: Als ich auf der Insel ankam, sagte mir ein betagter Priester, dass es hier zwar Erzeuger gäbe, jedoch keine Väter. Ich glaube, dass die kommunistische Ideologie die Gesellschaft grundlegend verändert hat. Ein halbes Jahrhundert lang war in Kuba derjenige der beschützte, der nährte, nicht die Vaterfigur, sondern es war Fidel Castro! Im Gegenzug gibt es hier eine sehr starke Bindung zwischen den Müttern und den Kindern, die Väter jedoch sind abwesend. Ich denke auch, dass der Druck des Regimes die jungen Leute dazu gebracht hat, Sexualität als Freiraum zu sehen. Es gibt hier sehr viele ledige Mütter, und ein gigantisches Prostitutionsproblem. Hochzeiten sind selten und die meisten jungen Leute wechseln von einem Partner zum nächsten.

Thomas Oswald: Wie sieht Ihre Arbeit in einem solch zerrissenen Umfeld aus?

Pater Jean Pichon: Wenn ich mit diesen jungen Leuten rede, kann ich ihnen nicht vorschlagen, erst die Hochzeit abzuwarten, bevor sie eine sexuelle Beziehung eingehen. Das wäre viel, viel zu weit von der Lebensrealität entfernt, die sie hier erleben. Ich schlage ihnen vor, Sexualität zumindest nicht losgelöst von der Liebe zu sehen. Wir haben hier trotzdem einige Paare, die heiraten. Ein weiteres Problem ist, dass wir praktisch kaum Priesterberufungen haben; das ist ein altbekanntes Problem in Kuba. 2009, als ich in ein entlegenes Dorf fuhr, sagte mir eine alte Dame, dass sie seit über 50 Jahren keinen Priester mehr gesehen hätte.

Thomas Oswald: Aber sind die Kubaner nicht nach wie vor sehr religiös?

Die Virgen de la Caridad (die Barmherzige Jungfrau)

Pater Jean Pichon: Sie sind ein liebenswertes Volk, voller Paradoxe! Unter den Katholiken gibt es sehr viele Anhänger der Santeria. Eine Besonderheit dieser vom Animismus inspirierten Religion ist es, ihre Anhänger unter den katholisch getauften Menschen zu rekrutieren. Der Einfluss der marxistischen materialistischen Ideologie ist ebenfalls spürbar. Doch dieselben Kubaner, die sich als Atheisten oder Agnostiker definieren, empfinden oftmals eine tiefe Verehrung für die Virgen de la Caridad (die Barmherzige Jungfrau). Diese Statue der Mutter Gottes wurde an einem Strand von Sklaven gefunden, die Salz sammelten, und wurde zu einer Bezugsgrösse für alle Kubaner aller Glaubensrichtungen. Ich kann Ihnen eine Anekdote erzählen, die das verdeutlicht: Eines Tages klopfte ich an die Haustür eines Kubaners, der sich anfangs weigerte, mir zu öffnen, als er sah, dass ich Priester bin. Das ist in Kuba, wo normalerweise das Prinzip der Gastfreundschaft vorherrscht, sehr selten. Doch dann sagte ich ihm, dass wir eine Prozession zu Ehren der Virgen de la Caridad organisieren würden, und seine Augen leuchteten auf. Er antwortete wir, wenn das für sie wäre, dann würde er auch kommen… Diese Barmherzige Jungfrau öffnet uns oftmals die Tür zum Herzen der Kubaner.

Spenden mit Vermerk «Kuba» können gerichtet werden an:

www.kirche-in-not.ch
Kirche in Not

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Aide à l’Église en Détresse
Aid to the Church in Need

ACN  SCHWEIZ   LIECHTENSTEIN

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E-Mail: mail@kirche-in-not.ch; Internet: www.kirche-in-not.ch

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Weitere Hinweise und Quellen

Die Katechetin Diana bedankt sich bei «Kirche in Not (ACN)»