{"id":86,"count":19,"description":"Gewalt (Gewaltfreiheit). In einem zun\u00e4chst noch sehr \"spekulativen\" Sinn ist Gewalt die reale von der Freiheit eines Subjekts bewirkte Ver\u00e4nderung des Freiheitsraumes eines anderen ohne dessen freie Zustimmung. In diesem Sinn verstanden, kann nicht jede Gewaltanwendung immer und in jedem Fall als unmoralisch gelten, weil sie mit der realen Aus\u00fcbung von Freiheit, die sich selbst vollziehen will und nicht immer von der Zustimmung aller anderen abh\u00e4ngig sein kann, unabl\u00f6slich ist. Aber solche Gewalt ist sehr oft in einer unsittlich den Freiheitsraum des anderen beeintr\u00e4chtigenden Tat gegeben, die nicht mehr person- und  sachgerechte Inanspruchnahme des eigenen Freiheitsraumes ist; es bleibt \u00fcberdies sehr oft dunkel, wo genau und real die Grenze zwischen an sich legitimer Gewaltanwendung und unsittlicher Gewalt liegt; der Egoismus des Menschen t\u00e4uscht ihn nur zu oft dar\u00fcber, wo diese Grenze wirklich liegt. So gibt es allenthalben die Gewalt, die zur \u201eS\u00fcnde der Welt\u201c geh\u00f6rt und die das Gegenbild jener Gewalt ist, die die des \u201eallm\u00e4chtigen\u201c Gottes ist und an der die Freiheit des Menschen an sich in Verantwortung partizipieren darf. Die Geschichte aller menschlichen Kulturen und Gesellschaften ist voll von den verschiedensten Formen der Gewalt im herk\u00f6mmlichen Sinn als unsittliches Mittel zur Beugung des Willens anderer und zur erzwungenen Erreichung von Zielen: Bestrafungen, Mi\u00dfhandlungen, Folterungen, T\u00f6tung, Gef\u00e4ngnis, Polizeigewalt, Geiselnahme, Attentate, Krieg. Dabei sind die einzelnen Gewaltma\u00dfnahmen (z.B. Krieg) selber oft wieder grauenvolle B\u00fcndel von verschiedenen Gewalttaten (Gefangenschaft, Vergewaltigung, Folter, Tod) und richten sich ebenso gegen Personen wie gegen Sachen und Einrichtungen. Zu Jesu Botschaft (siehe Bergpredigt) von der bedingungslosen Liebe geh\u00f6rt der Appell zum Verzicht auf Gewalt, die die Existenz, die Freiheit, die W\u00fcrde und das Gl\u00fcck des Mitmenschen zerst\u00f6rt. Gerade weil der Christ dazu aufgerufen ist, ohne Vorleistungen die unheilvolle Kette von Gewalt und Gegengewalt durch eindeutige Gewaltfreiheit zu unterbrechen, wird er oft in einen theoretisch unl\u00f6sbaren Konflikt gest\u00fcrzt, da er in einer Welt handeln mu\u00df, deren Verh\u00e4ltnisse allenthalben von Gewalt gepr\u00e4gt sind und daher zu ihrer \u00dcberwindung f\u00f6rmlich eine Gegengewalt erzwingen. Die fast unvorstellbare Perfektionierung der Mittel und Methoden von Gewalt im technisch-wissenschaftlichen Zeitalter und die Zunahme von Kr\u00e4ften, die Gewalt glorifizieren, kommerziell und politisch ausm\u00fcnzen oder bedenkenlos schnell als unvermeidlich hinstellen, l\u00e4\u00dft dar\u00fcber hinaus die traditionellen (abstrakt nicht unberechtigten) Unterscheidungen zwischen blutiger und unblutiger, legaler und illegaler, angemessener und unangemessener Gewaltanwendung als ethische Orientierung weitgehend untauglich werden, da die Gewaltmittel jederzeit sich verselbst\u00e4ndigen k\u00f6nnen und sowohl die Anwendenden in ihren Sog zu ziehen wie deren Ziele zu korrumpieren in der Lage sind. Auch wenn der Christ deshalb jeder Verherrlichung oder Selbstrechtfertigung von Gewalt entschieden entgegentreten und jene Tendenzen als die wahrhaft vern\u00fcnftigen unterst\u00fctzen mu\u00df, die Gewalt als Mittel der Politik und des Alltags ablehnen und nach gewaltfreien Methoden der politischen Ver\u00e4nderung suchen, ist mit der Achtung der instrumentellen Gewalt  \u2013 klammert man das Problem der Notwehr und gerechten Verteidigung einmal aus  \u2013 das Problem der strukturellen Gewalt immer noch nicht gel\u00f6st. K. Marx zufolge ist die systematische Anwendung von Gewaltmitteln in der Geschichte der Menschheit weithin selber eine beklagenswerte Folge der Existenz antagonistischer Klassen und daher letztlich durch den Entwicklungsstand der Produktivkr\u00e4fte und der Produktionsverh\u00e4ltnisse strukturell und nicht blo\u00df durch moralisches Versagen von Einzelnen verursacht. Der strukturelle Antagonismus bedingt die prim\u00e4re Gewalt, die immer wieder zu Anwendung von instrumenteller Gewalt f\u00fchrt, da eine herrschende (immer auch \u201es\u00fcndige\u201c) Klasse nie freiwillig auf die Durchsetzung ihrer Macht verzichtet. Die aufgezwungene (so sie das wirklich ist) revolution\u00e4re Gegengewalt ist daher von einer neuen Qualit\u00e4t, weil sie den moralischen Absichten des Individuums vorausliegt. Eine theologische Beurteilung der Gewalt mu\u00df auch diese Differenz exemplarisch ber\u00fccksichtigen, will sie das Problem nicht in unzul\u00e4nglicher Weise auf die freie moralische Wahl des Individuums einengen. Auch wenn der Christ sich durch Aus\u00fcbung revolution\u00e4rer Gegengewalt subjektiv in die \u201eS\u00fcnde der Welt\u201c verstrickt f\u00fchlt, kann ihm objektiv die Gewaltanwendung aus Liebe zu den anderen und aus Verantwortung vor der Geschichte schicksalhaft aufgezwungen und abverlangt sein. Gerade im Bewu\u00dftsein aber seines unvermeidlichen Verstricktseins in diese \u201eS\u00fcnde\u201c k\u00f6nnte der Christ eine entscheidende Aufgabe als schlechtes Gewissen der Revolution wahrnehmen und ihre Perversion zu terroristischem Gewaltmi\u00dfbrauch verhindern helfen. K. F. (kthW)\r\n","link":"https:\/\/www.ifit.li\/?tag=gewalt","name":"Gewalt","slug":"gewalt","taxonomy":"post_tag","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/tags\/86","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/tags"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/taxonomies\/post_tag"}],"wp:post_type":[{"href":"https:\/\/www.ifit.li\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fposts&tags=86"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}