{"id":46,"count":4,"description":"Gnade (althochdeutsch ganada = Wohlwollen, Gunst, griechisch charis, lateinisch gratia) ist in der Theologie die sich herabneigende personale, absolut ungeschuldete Huld Gottes gegen\u00fcber dem Menschen: Gnade bezeichnet aber auch die Wirkung dieser Huld, in der Gott sich selbst dem Menschen mitteilt.\r\n\r\n1.  Der christlich glaubende Mensch mu\u00df sich in und trotz seiner Gesch\u00f6pflichkeit und obwohl er sich als von sich selbst und von seinem Ursprung (Erbs\u00fcnde) her als S\u00fcnder anerkennt, als der geschichtlich von Gott und dem wirksamen Wort seiner freien absoluten Selbsterschlie\u00dfung in Gottes eigenstes und innerstes Leben hinein Angerufene verstehen. Das Entscheidende dieser Aussage besteht darin, da\u00df Gott dem Menschen nicht nur irgendeine heilsvolle Liebe und N\u00e4he zuwendet, irgendeine heilsvolle Gegenwart schenkt (wie sie seinsgem\u00e4\u00df schon mit dem abstrakten Begriff eines Verh\u00e4ltnisses zwischen Sch\u00f6pfer und noch schuldlosem Gesch\u00f6pf notwendig mitgesetzt ist), sondern ihn an Gottes Natur selber teilhaftig, Miterbe mit dem Sohn schlechthin, Berufener zum ewigen Leben Gottes von Angesicht zu Angesicht, Empf\u00e4nger der unmittelbaren Anschauung Gottes, also Gottes eigenen Lebens (in Doxa) sein l\u00e4\u00dft.\r\n\r\n2. Diese Gnade ist in sich freies Geschenk dem Menschen gegen\u00fcber, nicht blo\u00df insofern er S\u00fcnder (d.h. der sich diesem Selbstangebot Gottes und dem in der ganzen menschlichen Wirklichkeit zum Ausdruck kommenden Willen Gottes schuldhaft Verschlie\u00dfende) ist, sondern schon im voraus dazu (Urstand). Damit diese Selbstmitteilung Gottes durch die Annahme von Seiten des endlichen Menschen nicht (entsprechend dem Wesen und Ma\u00dfstab der endlichen Kreatur) zu einem im Bereich des blo\u00df Endlichen bleibenden Ereignis depotenziert werde (und so die Selbstmitteilung Gottes als solche aufhebe), mu\u00df auch die Annahme der Gnade von Gott selbst in derselben Weise getragen sein wie die Gabe selbst. Die Selbstmitteilung erwirkt als solche ihre Annahme; das aktuelle und n\u00e4chste Verm\u00f6gen dieser Annahme ist ebenso freieste Gnade.\r\n\r\n3. Insofern diese freie Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus und seinem Geist von der geistigen Kreatur in ebenso freier dialogischer Partnerschaft angenommen werden mu\u00df, ist eine bleibende (von Gott frei gesetzte) Verfa\u00dftheit des Menschen vorausgesetzt, die a) der Selbstmitteilung Gottes so vorausgeht, da\u00df diese vom Menschen als die freie ereignishafte Huld empfangen werden mu\u00df, die von dieser Voraussetzung her nicht errechnet werden kann, also mit dem Selbstvollzug des Menschen nicht in transzendentaler Weise schon mitgesetzt ist, obwohl er wesentlich auf diese Selbsterschlie\u00dfung Gottes offen (Potentia oboedientialis, \u00fcbernat\u00fcrliches Existential) und, wenn er sich ihr versagt, mit seinem ganzen Wesen im Unheil ist; - die b) auch dann (im Modus der Sinnlosigkeit) bestehen bleibt, wenn der Mensch sich dieser Selbsterschlie\u00dfung Gottes verschlie\u00dft. Diesen \"Adressaten\", diese Voraussetzung der Selbstmitteilung Gottes, nennt man in katholischer Begrifflichkeit die  \"Natur\" des Menschen  (Natur und Gnade).\r\n\r\n4. In diesem Sinn ist die Gnade der Selbstmitteilung Gottes \"\u00fcbernat\u00fcrlich\", mit anderen Worten, dem Menschen (und jeder Kreatur) schon im voraus zu seiner Unw\u00fcrdigkeit als S\u00fcnder ungeschuldet, d.h. mit seinem unverlierbaren Wesen (seiner \"Natur\") noch nicht mitgegeben, also \"an sich\" auch ohne S\u00fcnde dem Menschen von Gott her versagbar.\r\n\r\n5. Das kirchliche Lehramt befa\u00dfte sich in seinen Aussagen \u00fcber die Gnade vor allem mit dieser \u00dcbernat\u00fcrlichkeit der Gnade, die der Grund daf\u00fcr ist, da\u00df die Gnade (vom Lehramt schon fr\u00fcher) als ungeschuldete, vom Menschen durch keinerlei eigene Kr\u00e4fte verdienbare erkl\u00e4rt wird, die der Mensch von sich aus weder erbitten noch auf die er sich positiv vorbereiten kann.\r\n\r\n6. Damit ist die Gnade als vergebende nicht in den Hintergrund gedr\u00e4ngt (R\u00f6m 3,23f). Denn der konkrete Mensch findet sich immer in einer doppelten unentrinnbaren Situation: als Kreatur und als S\u00fcnder, wobei sich f\u00fcr die konkrete Erfahrung diese beiden Momente gegenseitig  bedingen und erhellen. Die Fehlbarkeit der endlichen Kreatur ist zwar noch nicht einfach S\u00fcnde, aber in dieser kommt sie unerbittlich ans Licht; und die S\u00fcndigkeit zwingt den Menschen, sich als die absolut endliche Kreatur unausweichlich zu begreifen, f\u00fcr welche die verg\u00f6ttlichende Huld Gottes immer und auf jeden Fall Gnade ist. So ist es auch nicht verwunderlich, da\u00df die ganze Lehre des Tridentinums von der rechtfertigenden Gnade nicht unter dem Schema der \"Erhebung\" einer Natur, sondern der Begnadigung eines Gottlosen konzipiert ist.\r\n\r\n7. Diese vergebende Gnade und somit die erhebende Gnade, insofern sie dem erbs\u00fcndigen Menschen gegeben wird, ist reine Gnade Jesu Christi (Erl\u00f6sung, Christozentrik). Durch diese Herkunft von Jesus Christus hat die Gnade auch als verg\u00f6ttlichende einen eminent geschichtlich-dialogischen Charakter, d.h. sie ist Huld Gottes, die unbeschadet ihres alle Menschen immer, zu allen Zeiten und \u00fcberall meinenden und f\u00fcr diese unabdingbaren Wesens an dem \"Ereignis\" Jesu Christi h\u00e4ngt, darum inkarnatorisch-sakramentalen Charakter hat (Kirche als Leib Christi, Sakrament) und den begnadeten Menschen einbezieht in das Leben und den Tod Jesu.\r\n\r\n8. Von diesem Ansatz (vgl. 1) her ist leicht begreiflich, da\u00df \"die Gnade\" (der Rechtfertigung) schlechthin und als streng \u00fcbernat\u00fcrliche prim\u00e4r der sich mit seinem eigenen Wesen mitteilende Gott selbst ist: ungeschaffene  Gnade  (vgl.  auch  Appropriation,  Einwohnung, Pneuma, heiligmachende Gnade, Rechtfertigung). Von da aus ist eine ding- und sachhafte Auffassung der Gnade, die die Gnade in die autonome Verf\u00fcgung des Menschen g\u00e4be, grunds\u00e4tzlich und in jeder Hinsicht ausgeschlossen. Die Lehre des Tridentinum von der \"inh\u00e4rierenden\" Gnade ist keine Aussage, die dies bestreiten wollte oder die auch nur vorgetragen w\u00fcrde im Blick auf das Problem der Unterscheidung von geschaffener und ungeschaffener (auch diese ist genannt) Gnade; sie will nur die Wahrheit aussagen, da\u00df die Rechtfertigung durch wahrhafte Neugeburt in der Konstitution einer neuen Kreatur, eines vom Geist Gottes selbst wirklich bewohnten Tempels, eines Menschen besteht, der gesalbt ist und gesiegelt mit dem Geist und aus Gott geboren ist, da\u00df dieser Gerechte nicht blo\u00df in einem \"als ob\" forensisch als gerecht \"betrachtet\" wird, sondern es wahrhaft ist. Gerade der Begriff der \"ungeschaffenen\" Gnade besagt, da\u00df der Mensch selber in sich wahrhaft neugeschaffen ist durch diese Selbstmitteilung Gottes, da\u00df es also in diesem Sinn eine \"geschaffene\" und \"akzidentelle\" Gnade gebe.\r\n\r\n9. Von der abendl\u00e4ndischen Gnadentheologie (Augustinus) im Kampf gegen den Pelagianismus her, in welchem die Gnade als notwendig f\u00fcr das heilschaffende Handeln definiert wurde, ist Gnade zun\u00e4chst einmal Hilfe f\u00fcr den Akt, also in diesem Sinn \"aktuelle\" Gnade. Aber von der kirchlich verpflichtenden Lehre her gibt es den Unterschied zwischen aktueller \u00fcbernat\u00fcrlicher, erhebender Gnade und habitueller Gnade nur insofern, als es DGL ist, da\u00df es Heilsakte des Nichtgerechtfertigten gibt, durch die er sich mit der ihm zuvorkommenden und f\u00fcr sie absolut notwendigen Gnade auf die Rechtfertigung vorbereitet. Der Sinn der Unterscheidung, insofern sie verpflichtend ist, besagt nur dies: \"Habituell\" ist die Gnade, insofern die \u00fcbernat\u00fcrliche Selbstmitteilung Gottes dem Menschen (seit der Taufe) dauernd angeboten ist und insofern sie (im M\u00fcndigen) frei angenommen ist. \"Aktuell\" wird diese selbe Gnade genannt, insofern sie aktuell den (existentiell wesentlich gestuften, immer neu vollziehbaren) Akt ihrer Annahme tr\u00e4gt und darin sich selbst aktualisiert.\r\n\r\n10. Angesichts der Tatsache des allgemeinen Heilswillen Gottes einerseits und der S\u00fcndigkeit des Menschen anderseits ergibt sich, da\u00df es auch angebotene, aber nicht wirksam werdende, also blo\u00df \"zureichende\" (gratia sufficiens) Gnadenhilfe gibt. Ihr Wesen kann also nicht in der unwiderstehlichen Allmacht Gottes liegen. Der Unterschied zwischen blo\u00df hinreichender und wirksamer aktueller Gnade ist nach (fast) allgemeiner Lehre (sowohl des Ba\u00f1ezianismus wie des Molinismus) trotz der menschlichen Freiheit in Annahme und Widerstand im voraus zu diesen schon auf Seiten des erw\u00e4hlenden Gottes begr\u00fcndet. Die aktuelle Gnade ist Erleuchtung und Inspiration. Sie wird nicht nur als ungeschuldet, sondern auch im selben Sinn als \"\u00fcbernat\u00fcrlich\" betrachtet wie die Rechtfertigungsgnade. Dementsprechend liegt sie nicht blo\u00df in \u00e4u\u00dferen, durch die Vorsehung Gottes gestalteten Umst\u00e4nden, die das religi\u00f6se Tun des Menschen beg\u00fcnstigen, sondern ist \"innere\" Gnade im selben Sinn wie die heiligmachende Gnade.\r\n\r\n11. Der Mensch ist trotz der Erbs\u00fcnde und mit der Begierde frei; er stimmt also der zuvorkommenden Gnade frei zu oder lehnt sie frei ab. Insofern mu\u00df von einem \"Miteinanderwirken'' Gottes und des Menschen gesprochen werden. Das bedeutet aber keinen die Heilswirkung aufteilenden \"Synergismus\". Denn nicht nur das Verm\u00f6gen des Heilshandelns (der eingegossene \"Habitus\" oder die zuvorkommende hinreichende Gnade), sondern auch die freie Zustimmung selbst ist Gnade Gottes. Die Gnade ist es also selbst, die unsere Freiheit nach Verm\u00f6gen und Tat zum Heilshandeln befreit, so da\u00df die Situation dieser Freiheit zum Ja oder Nein gegen\u00fcber Gott nicht autonome, emanzipierte Wahlsituation ist, sondern der Mensch dort, wo er nein sagt, sein eigenes Werk tut, und dort, wo er frei ja sagt, dies als Gottes Gabe Gott danken mu\u00df. \u00dcber die spekulativen Bem\u00fchungen, die  M\u00f6glichkeit zu begreifen, wie die heilshafte freie Entscheidung des Menschen selbst Gottes Gnade sein kann, vgl. Gnadensysteme.\r\n\r\n12. Das kirchliche Lehramt unterscheidet ferner zwischen erhebender Gnade (die notwendig ist zum Heilsakt) und heilender (\"medizineller\") Gnade (die notwendige Hilfe Gottes zur Beobachtung des nat\u00fcrlichen Sittengesetzes ist). Damit ist jedoch die Frage noch nicht beantwortet, ob es faktisch sittliche Akte gibt, die ohne jede positive Heilsbedeutung sind, oder ob alle solchen, wenn sie faktisch existieren, durch eine erhebende Gnade auch heilshaft sind (G. V\u00e4zquez, J. M. Ripalda). Die \u00e4u\u00dfere \"heilende\" Gnade k\u00f6nnte betrachtet werden als ein Moment an einem Gnadengeschehen, das in der faktisch allgemeinen und durchg\u00e4ngigen Christozentrik der menschlichen Geschichte auf die Verwirklichung des Humanen und des Christlichen im Menschen in einem hinzielt. Vgl. Glauben.\r\n\r\n13. Eine Erfahrung der Gnade kann sich konkret in den verschiedensten Gestalten ereignen, bei jedem Menschen anders: als unsagbare Freude, als unbedingte personale Liebe, als unbedingter Gehorsam gegen das Gewissen, als Erfahrung liebender Einheit mit der \"Welt\" schlechthin, als Erfahrung der unaufholbaren Unverf\u00fcgbarkeit der eigenen Existenz usw.\r\n\r\nQuelle: kthW","link":"https:\/\/www.ifit.li\/?tag=gnade","name":"Gnade","slug":"gnade","taxonomy":"post_tag","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/tags\/46","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/tags"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/taxonomies\/post_tag"}],"wp:post_type":[{"href":"https:\/\/www.ifit.li\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fposts&tags=46"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}