{"id":25,"count":23,"description":"Im Begriff haben wir den Anfang der intellektuellen Erkenntnis. Diese vollendet sich im Urteil. Begreifen besagt bloss das Erfassen der Wesenheit eines Dinges durch den Verstand. Die Beziehung zur Wirklichkeit wird dabei noch nicht hergestellt oder erkannt. Das geschieht erst im Urteil. Unsere geistige Erkenntnis vollzieht sich deshalb formell im Urteil.\r\n\r\nDas Wesen des Urteils\r\nUrteilen ist ein synthetischer Akt. Wir k\u00f6nnen das Urteil definieren als jene T\u00e4tigkeit des Verstandes, durch die dieser im Blick auf die Realit\u00e4t zwei Begriffe bejahend miteinander verbindet oder verneinend voneinander trennt. Das Urteil setzt zwar mehrere Akte des Erfassens voraus, doch ist es selbst ein einfacher Akt: die einfache T\u00e4tigkeit der Zustimmung oder Verneinung.\r\n\r\nDas Urteil ist ein gedankliches Gebilde. Seinen Aufbau ersehen wir am besten aus dem Satz (Aussagesatz), der den sprachlichen Ausdruck des Urteils darstellt. Der Satz bejaht oder verneint von einem Subjekt ein Pr\u00e4dikat durch die Kopula \u00abist\u00bb bzw. \u00abist nicht\u00bb. Beispiel: \r\nDas Lebewesen ist sterblich\r\nSubjekt = Lebewesen, Kopula = ist, Pr\u00e4dikat = sterblich\r\n\r\nZu jedem Urteil geh\u00f6ren also:\r\n- ein Subjekt, von dem etwas ausgesagt wird,\r\n- ein Pr\u00e4dikat, das vom Subjekt ausgesagt wird,\r\n- die Kopula (\u00abist\u00bb\/\u00abist nicht\u00bb), die das Pr\u00e4dikat dem Subjekt zu- bzw. abspricht.\r\n\r\nSubjekt und Pr\u00e4dikat sind die Materie (das Bestimmbare) des Urteils. Sie werden auch die Extreme des Urteils genannt, weil sie miteinander zu verbinden oder voneinander zu trennen sind. Die Kopula ist die Form (das Bestimmende) des Urteils. Zwar geh\u00f6ren Subjekt, Pr\u00e4dikat und Kopula zu jedem Urteil, doch ist es nicht n\u00f6tig, dass alle drei Elemente immer explicite vorhanden sind. Sie k\u00f6nnen auch bloss implicite gegeben sein. Beispiele: Der Hund frisst = der Hund ist fressend;\r\nGott existiert = Gott ist existierend; lego = ego sum legens.\r\n\r\nDie Kopula, welche die \u00dcbereinstimmung oder Nicht\u00fcbereinstimmung von Subjekt und Pr\u00e4dikat ausdr\u00fcckt, steht ihrer Natur nach im Pr\u00e4sens. Die anderen Zeitformen bezeichnen eine Beziehung der Zeit, die zum Pr\u00e4dikat und nicht zur Kopula geh\u00f6rt und deshalb von ihr getrennt werden muss. So ist beispielsweise \u00abDie Gerechten werden gl\u00fccklich sein\u00bb in \u00abDie Gerechten sind zuk\u00fcnftige Gl\u00fcckliche\u00bb aufzul\u00f6sen.\r\n\r\nDie Kopula besitzt eine doppelte Funktion:\r\n- eine verbindende (kopulative) Funktion: die Kopula verbindet Subjekt und Pr\u00e4dikat miteinander.\r\n- eine urteilende (judikative) Funktion, der die gr\u00f6sste Bedeutung zukommt: \r\ndurch die Kopula wird behauptet, dass das, was man im Urteil bejaht oder verneint, mit der Realit\u00e4t, mit dem objektiven Sachverhalt, \u00fcbereinstimmt. Die Kopula stellt also die Beziehung zur Wirklichkeit (oder logischen Quasi-Wirklichkeit) her. Besonders klar zeigt dies die Bekr\u00e4ftigung eines Urteils: Ja, so ist es. Damit tritt auch der Unterschied zwischen Begreifen und Urteilen klar zutage. Thomas v. Aquin sagt: \u00abPrima operatio respicit quidditatem rei, secunda respicit ipsum esse - die erste T\u00e4tigkeit [des Verstandes] betrifft die Washeit des Dinges, die zweite betrifft das Sein selbst\u00bb (I Sent., dist. 19, q. 5, art. 1 ad 7um).\r\n\r\nBei der Kopula \u00abist\u00bb findet das Verb \u00absein\u00bb im logischen, nicht im ontologischen Sinn Verwendung. Thomas bemerkt: \u00abSein\u00bb wird in einem doppelten Sinn ausgesagt: in der einen Weise bezeichnet es die Wirklichkeit des Seins, in der anderen die Zusammensetzung des Satzes [die Kopula des Satzes], welche die Seele herstellt, indem sie ein Pr\u00e4dikat mit einem Subjekt verbindet\u00bb (STh I, q. 3, art. 4 ad 2um).\r\n\r\nEs ist eine Wesenseigenschaft des Urteils, wahr oder falsch zu sein. Dabei handelt es sich um die logische Wahrheit (Erkenntniswahrheit) beziehungsweise logische Falschheit.\r\n\r\nAus dem Buch \u201eVon der Philosophie f\u00fcrs Leben lernen\u201c, Kapitel \u201eDas Wesen des Urteils\u201c, Seite 56 ff, Dr. Gion Darms, 2012","link":"https:\/\/www.ifit.li\/?tag=urteil","name":"Urteil","slug":"urteil","taxonomy":"post_tag","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/tags\/25","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/tags"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.ifit.li\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/taxonomies\/post_tag"}],"wp:post_type":[{"href":"https:\/\/www.ifit.li\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fposts&tags=25"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}