Wenn keine Harmonie ist, Kampf angesagt ist, das ist nicht Kirche – Kirche ist Einheit in Vielfalt

38. Katechese zum Jahr des Glaubens von Papst Franziskus

L'Osservatore RomanoIm Namen des Vaters und Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Der Friede sei mit euch. Und mit deinem Geiste. Zu Beginn einer Generalaudienz wird immer eine Stelle aus der Heiligen Schrift vorgelesen, heute aus dem Johannes Evangelium (vgl. Joh 17,20-23): Aber ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. … So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich. Evangelium unseres Herrn Jesus Christus. Liebe Brüder und Schwestern, wir glauben die katholische Kirche. Was meint das Wort „katholisch“ im Glaubensbekenntnis? Es kommt aus dem Griechischen und besagt so viel wie „allgemein“, „allumfassend“.

Drei wesentliche Bedeutungen können helfen, die Katholizität der Kirche besser zu verstehen. Zunächst ist die Kirche der Ort, an welchem der ganze Glaube verkündet wird, und in ihr wird allen Menschen das Heil angeboten, das Christus gebracht hat. Zweitens bedeutet „katholisch“ auch „universal“. Die Kirche ist über die ganze Welt ausgebreitet und verkündet allen Menschen das Evangelium. Keiner ist ausgeschlossen. Und in jeder Pfarrei ist die ganze Kirche mit der Fülle der Gaben Christi mit dem gleichen Glauben und mit den gleichen Sakramenten gegenwärtig. So gehören wir selbst zu dieser grossen universalen Gemeinschaft. Und drittens ist die Kirche „katholisch“, weil sie sozusagen das Haus der Harmonie ist, wo Einheit und Verschiedenheit, gleich einer Symphonie, weil hier verschiedene Instrumente zusammenklingen und das Kunstwerk schaffen, nicht zueinander im Gegensatz stehen, sondern sich miteinander verbinden und einen Reichtum bilden.

Diese Vielfalt führt der Heilige Geist, der gleichsam der Dirigent ist, in Einklang zusammen. Ein herzliches Willkommen allen Pilgern deutscher Sprache, vor allem den vielen Jugendlichen. Besonders grüsse ich die Freunde des Kollegium Germanicum et Ungaricum, die zu Priester- und Diakonenweihe nach Rom gekommen sind, ferner die Pilger aus Mindelheim mit ihrem Bischof Dr. Konrad Zdarsa sowie die Teilnehmer an der Informationswoche der päpstlichen Schweizer Garde. Gott segne euch alle!

Live-Übersetzung der Ansprache von Papst Franziskus bei der Generalaudienz

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag! Man sieht, dass ihr heute bei diesem
schlechten Wetter echt mutig wart. Also Kompliment, wirklich Komplimente. „Ich
glaube die eine, heilige, katholische Kirche.“ Heute halten wir uns bei
der katholischen Kirche in unserer Betrachtung auf. Wir betrachten die
Katholizität der Kirche. Zuerst einmal: Was heisst katholisch? Das kommt aus
dem Griechischen [καθολικός] und das bedeutet „nach dem Ganzen, nach der Ganzheit“. Wie wenden wir diese Umfassendheit auf die katholische Kirche an? Ich glaube, wir können hier drei fundamentale Anmerkungen machen.

Kirche als Raum, wo Glaube verkündet und Heil angeboten wird

Erstens verwenden wir „katholisch“ für die Kirche, denn sie ist der Raum, in dem der gesamte Glaube verkündet wird, in dem das Heil, das Christus uns gebracht hat, allen angeboten wird. Die Kirche lässt uns die Barmherzigkeit Gottes finden, die uns umwandelt. Denn in dieser ist Jesus Christus selbst gegenwärtig. Wir haben hier die Fülle des sakramentalen Lebens, wir haben das wahre Amt des Priestertums. In der Kirche findet jeder von uns alles, was er braucht, um zu glauben, um als Christ zu leben, um heilig zu werden, um seinen Weg zu gehen, zu allen Zeiten und an allen Orten. Ich möchte euch ein Beispiel geben: Wir können sagen, das ist so wie im Familienleben. In der Familie wurde uns all das gegeben, was wir gebraucht haben, um zu wachsen, zu reifen und zu leben. Man kann nicht alleine wachsen, man kann nicht alleine den Weg des Lebens gehen, indem man sich abschliesst, sondern man muss wachsen und gehen, immer in einer Gemeinschaft, in einer Familie. Und so ist auch die Kirche. Es ist genauso. In der Kirche können wir das Wort Gottes hören und uns sicher sein, dass genau das die Botschaft ist, die der Herr uns gegeben. In der Kirche können wir den Herrn finden, in den Sakramenten, die wie offene Fenster sind, durch die uns das Licht gegeben wird, das Licht Gottes. Die Sakramente sind wie Bäche, Bachläufe, an denen wir das Leben Gottes schöpfen können. In der Kirche lernen wir Gemeinschaft zu leben, wir erhalten die Liebe geschenkt, die von Gott kommt. Fragen wir uns heute: Wie lebe ich in der Kirche? Wenn ich in die Kirche gehe, ist es so, als ob ich ins Fussballstadion ginge, so wie zu einem Fussballspiel? Oder ist es ungefähr so, wie wenn ich ins Kino gehe? Oder ist es was ganz anderes? Also, wie gehe ich in die Kirche? Nehme ich die Gaben an, die die Kirche mir gibt, um zu wachsen, um als Christ zu reifen? Nehme ich an diesem Gemeinschaftsleben wirklich teil? Oder gehe ich zur Kirche und verschliesse mich eigentlich in meinen Problemen, verschliesse mich vor den anderen? In diesem ersten Sinn ist die Kirche katholisch, weil sie das Haus für alle ist. Alle sind Kinder der Kirche und alle bilden auch dieses Haus.

Kirche ist universal, in der ganzen Welt verbreitet, für alle

In einem zweiten Sinn ist die Kirche katholisch, allumfassend, denn sie ist universal. Das heisst, sie ist in der ganzen Welt verbreitet und verkündet das Evangelium an jeden Mann und an jede Frau. Die Kirche ist nicht eine Elitegruppe, sie betrifft nicht nur ein paar. Die Kirche verschliesst sich nicht, sie ist gesandt zur Gesamtheit der Menschen,  zur gesamten Menschheit. Die eine Kirche ist auch in ihren allerkleinsten Teilen ganz gegenwärtig. Irgendjemand könnte sagen: Auch in meiner Pfarrei, da ist die katholische Kirche gegenwärtig, weil auch diese kleine Pfarrei teilhat an der ganzen grossen Kirche. Auch in dieser kleinen Kirche haben alle, in Gemeinschaft mit dem Bischof und dem Papst, teil am sakramentalen Leben und alle können ohne Unterschied daran teilhaben. Die Kirche ist nicht nur dort, wo der Schatten des Kirchturms hinreicht, sondern sie umfasst alle Menschen, die denselben Glauben bekennen. die sich aus derselben Eucharistie nähren, die von den selben Hirten genährt und geführt werden. Es besteht ein tiefe Einheit zwischen allen katholischen Gemeinden, Gemeinschaften in der ganzen Welt. Das ist wirklich schön! Wir sehen, dass wir alle auf Mission gesendet sind. Wir müssen unsere Türen alle öffnen und wir müssen hinausgehen für das Evangelium. Fragen wir uns also: Was mache ich und den anderen, die Freude des Zusammentreffens mit dem Herrn zu vermitteln, die Freude zur Kirche zu gehören? Das Evangelium zu verkünden, ist nicht eine Aufgabe von wenigen. Das betrifft auch mich, auch dich, jeden einzelnen von uns.

Kirche ist Einheit in der Vielheit, wie ein Orchester, Dirigent ist der Heilige Geist

Und ein dritter und letzter Gedanke: Die Kirche ist katholisch, allumfassend, weil sie das Haus der Harmonie ist, dort wo Einheit und Vielheit beisammen wohnen und zusammengehören, um einen grossen Reichtum zu entwickeln. Nehmen wir das Bild der Symphonie, das bedeutet Zusammenklang, jeder muss seine Stimmung seines Instruments einhalten. Und nur dann, wenn jeder genau seine Stimmung beibehält, wird ein grosses Ganzes daraus. Und dann gibt’s natürlich den Dirigenten und dem folgen alle, die in dieser Harmonie und Symphonie gemeinsam spielen. Dieser besondere Klang eines jeden Instruments liegt in der ganz persönlichen Ausformung eines jeden Menschen, die zur Geltung kommen muss. Man sagt, die Kirche ist wie ein grosses Orchester, in dem es ein grosse Vielfalt gibt. Es sind nicht alle gleich. Und wir dürfen gar nicht alle gleich sein. Wir sind alle verschieden. Jeder hat seine eigenen Qualitäten und das ist gerade das Schöne an der Kirche. Jeder bringt genau das, was Seines ist, was Gott ihm gegeben hat, mit. Und das schenkt er den anderen. Zwischen den einzelnen Teilen der Kirche gibt’s natürlich die grosse Verschiedenheit, aber diese Verschiedenheit tritt nicht in Konflikt miteinander, einer mit dem anderen, sondern alle mit ihrer Verschiedenheit lassen sich durch den Heiligen Geist in die grosse Symphonie, den grossen gemeinsamen Klang einbinden. Er ist es, der uns führt und leitet. Und hier ist natürlich wieder für uns die Frage: Leben wir in unseren Gemeinden in Harmonie oder streiten wir, in meiner Pfarrei, in meiner kirchlichen Bewegung, wo ich in der Kirche zuhause bin? Wird da geschwätzt und geredet, getratscht? Wenn das der Fall ist, dann besteht sicher keine Harmonie. Dann ist Kampf angesagt. Das ist aber nicht die Kirche! Die Kirche ist die Harmonie zwischen allen. Nicht tratschen, nicht schlecht reden über einander, nicht streiten. Akzeptieren wir den anderen und nehmen wir an, dass es eine richtige Verschiedenheit zwischen uns gibt, aber in demselben Glauben können wir die Einheit in der Vielheit sehen. Die Uniformität, die Einförmigkeit, die tötet die Kirche. Wenn wir die Einförmigkeit auf alle anwenden wollen, dann töten wir die Gaben des Heiligen Geistes. Bitten wir den Heiligen Geist, der der Urheber dieser Einheit und Harmonie ist, dass er uns immer mehr katholisch mache, das heisst, in dieser Kirche, die katholisch und universal ist. Danke.

Weitere Hinweise und Quellen