Lieben wir die Kirche wie die eigene Mutter – mit ihren Schwächen und Fehlern?

34. Katechese zum Jahr des Glaubens von Papst Franziskus

L'Osservatore RomanoLiebe Brüder und Schwestern, mit einem schon bei den Kirchenvätern beliebten Bild, beschreibt das Zweite Vatikanische Konzil die Kirche als Mutter. Die Kirche ist unsere Mutter im Glauben. In der Taufe werden wir von der Kirche als Kinder Gottes geboren. In der Kirche und durch die Kirche erhalten wir das Geschenk des Glaubens. Wir gehören nicht rein äusserlich oder formal der Kirche an, sondern es besteht ein lebendiges Band wie zwischen einer Mutter und ihrem Kind. Ebenso begleitet und nährt die Mutter Kirche das Wachstum unseres Lebens aus dem Glauben, indem sie uns das Wort Gottes weitergibt und die Sakramente spendet. Schliesslich wird die Kirche selbst wiederum von der Gesamtheit der Gläubigen, von einem jeden von uns gebildet.

Daher haben wir alle, Hirten und gläubige Laien, teil an ihrer geistlichen Mutterschaft, d.h. wir sollen mitwirken, dass neue Christen zum Glauben geboren werden und das Evangelium verkündet wird. Unser Glaube muss fruchtbar sein. Wir müssen an der Mutterschaft der Kirche teilnehmen, damit das Licht Christi alle Enden der Erde erreicht.

Schriftlesung aus dem ersten Brief des hl. Apostels Paulus an die Korinther

Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden, so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einem einzigen Leib aufgenommen: Juden und Griechen, Sklaven und Freie. Und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt. Wort des lebendigen Gottes. Dank sei Gott.

Ansprache von Papst Franziskus (gemäss Kommentar von EWTN)

Liebe Brüder und Schwestern, guten Morgen. Heute nehmen wir wieder den Zyklus über die Katechesen über die Kirche in diesem Jahr des Glaubens auf. Zwischen den Bildern, die das Zweite Vatikanische Konzil gewählt hat, um uns besser die Natur der Kirche, das Wesen der Kirche zu verstehen, gibt es das Bild der Mutter. Die Kirche ist unsere Mutter im Glauben, im übernatürlichen Leben. Es ist eins der Bilder, die am meisten von den Kirchenvätern benutzt wird in den ersten Jahrhunderten. Und ich denke, dass es auch für uns nützlich sein kann. Und für mich ist das das schönste Bild der Kirche: die Kirche Mutter. In was für einem Sinn, auf was für eine Art ist Kirche Mutter? Wir gehen von der menschlichen Dimension der Mutterschaft aus. Was macht eine Mutter? Vor allem bringt die Mutter das Leben hervor, sie trägt in ihrem Leib neun Monate lang ihr Kind und bringt es zum Leben dar, indem sie es gebiert. So ist die Kirche: Sie zeugt uns zum Glauben durch das Wirken des Heiligen Geistes und macht sie fruchtbar, wie die Jungfrau Maria. Die Kirche und die Jungfrau Maria sind beides Mütter, Mama. Was man von der Kirche sagen kann, das kann man auch von der Muttergottes sagen, und das, was man von der Madonna sagen kann, das kann man auch von der Kirche sagen. Sicher, der Glaube ist ein persönlicher Akt: Ich glaube, ich persönlich antworte Gott, der sich mir zu erkennen gibt und der in Freundschaft mit mir treten will. Aber ich empfange den Glauben von anderen, in einer Familie, in einer Gemeinschaft, die mich lehrt zu sagen: ich glaube, wir glauben. Ein Christ ist keine Insel, wir werden keine Christen in der Werkstatt [im Labor], wir werden nicht Christen aus uns selbst heraus, mit unseren Kräften, sondern der Glaube ist ein Geschenk von Gott, ein Geschenk, das uns in der Kirche und durch die Kirche gegeben wird. Das ist der Moment, in dem sie uns als Kinder Gottes zum Leben bringt, sie schenkt uns das Leben Gottes, sie zeugt uns als Mutter. Wenn ihr zum Baptisterium in San Giovanni in Laterano geht, die Kathedrale des Papstes, dann gibt es im Inneren eine lateinische Inschrift und die sagt ungefähr so: Hier wird ein Volk mit göttlichem Stamm geboren, gezeugt vom Heiligen Geist, der diese Wasser fruchtbar macht. Die Mutter Kirche gebiert ihre Kinder in diesen Fluten. Das ist schön, oder?

Wissen wir das Datum, wann uns die Mutter Kirche zum Leben hat?

Und das lässt uns eine wichtige Sache begreifen: Unseres Zur-Kirche-Gehören ist nicht eine äussere und formale Sache, es ist nicht irgendwie nur einfach „ein Formular ausfüllen“ und das wär’s dann. Das ist es nicht. Es ist ein innerer Akt, ein lebendiger Akt. Man gehört nicht zur Kirche, wie man zu einer Gesellschaft gehört, oder zu einer Partei oder irgendeiner anderen Organisation. Das Band ist lebendig wie das, das man mit der eigenen Mama hat. Denn die Kirche ist wirklich Mutter der Christen. Fragen wir uns jetzt selber: Wie sehe ich denn die Kirche? Bin ich dankbar gegenüber meinen Eltern, dass sie mir das Leben geschenkt haben? Bin ich dankbar gegenüber der Kirche, dass sie mich zum Glauben gebracht hat durch die Taufe? Wieviele Christen wissen überhaupt ihr Datum der Taufe? Ich möchte hier mal die Frage stellen: Wieviele von euch – jeder von euch möge in seinem Herzen antworten – wer weiss von euch denn, wann ihr getauft worden seid? Wisst ihr das Datum? Ein paar Hände sind hier auf dem Platz, also erhebt eure Hände. Wieviele von euch wissen das Datum eurer Taufe? Manche wissen vielleicht, ja es war so um Ostern oder Weihnachten herum. Aber wisst ihr wirklich das genaue Datum, das genaue Datum, an dem die Mutter Kirche euch zum Leben gebracht hat? – Das ist schön! [Beifall] Und jetzt, eine Aufgabe, die ihr zuhause erfüllen könnt, sozusagen eine Hausaufgabe. Wenn ihr nachhause geht, dann schaut nach, wann war genau das Datum meiner Taufe? Und wenn ihr das dann feiern wollt und dem Herrn danken wollt? Macht ihr das? Also, das ist eine Hausaufgabe. Macht das. [Beifall]

Lieben wir die Kirche, wie man die eigene Mutter liebt? Auch wenn man ihre Fehler und Schwächen kennt? Alle Mütter haben irgendwelche Schwächen, aber wenn man von den Fehlern der Mutter, von den Schwächen der Mutter spricht, decken wir das nicht auf, wir lieben sie. Ich liebe sie so wie sie ist, die Mama. Und so auch die Kirche, helfen wir ihr, schöner zu sein, authentischer zu sein, nach dem Plan Gottes! Das sind die Fragen, die euch lasse. Aber vergesst diese Hausaufgabe nicht, sucht heraus: Wann war das Datum meiner Taufe? Und damit ihr das im Herzen auch wirklich feiert. Eine Mama, die beschränkt sich so sehr darauf, das Leben zu geben, sondern mit grosser Sorge hilft sie ihren Kindern zu wachsen, sie gibt ihm Milch, sie ernährt sie, sie lehrt sie den Lebensweg, sie begleitet sie immer mit ihrer Aufmerksamkeit, mit ihrer Zärtlichkeit, mit ihrer Liebe, auch wenn sie gross sind. Und sie weiss auch zu korrigieren. zu verzeihen, zu verstehen. Sie ist nahe in der Krankheit, im Leiden. In einem Wort: Eine gute Mutter hilft ihren Kindern, aus sich selbst herauszugehen. Nicht bequem unter den mütterlichen Flügeln zu bleiben, so wie Küken unter den Flügeln einer Glucke bleiben. Die Kirche als gute Mutter macht das gleiche. Sie begleitet unser Wachstum, sie vermittelt uns das Wort Gottes, das ein Licht ist, das uns den Weg des christlichen Lebens zeigt, sie ernährt uns in den Sakramenten, sie ernährt mit der Eucharistie, sie bringt uns die Vergebung Gottes durch das Sakrament der Versöhnung, sie unterstützt uns in den Momenten der Krankheit mit der Krankensalbung. Die Kirche begleitet uns in allem unseren Leben des Glaubens.

Wir können uns noch mehr Fragen stellen: Was hab ich für eine Beziehung mit der Kirche? Empfinde ich sie als Mutter, die mir hilft zu wachsen als Christ? Nehme ich am Leben der Kirche teil? Fühle ich mich als Teil von ihr? Ist meine Beziehung zu ihr mehr eine formelle Beziehung oder ist es eine lebendige Beziehung?

Ein dritter kurzer Gedanke: In den ersten Jahrhunderten der Kirche war ein Faktum ganz klar: Die Kirche, während sie Mutter der Christen ist und Christen hervorbringt, ist sie auch von ihnen gebildet. Die Kirche ist nicht irgendwas, was von uns getrennt ist, sondern es wird als Gesamtheit der Gläubigen gesehen, als unser Wir, als Christen. Ich, Du, wir alle sind Teil der Kirche. Der hl. Hieronymus schrieb: Die Kirche Christi ist keine andere Sache, als die Seele derer, die an Christus glauben. Also, die Mutterschaft der Kirche, das müssen wir alle leben, Hirten und Gläubige, wir alle sind berufen mitzuarbeiten. – manchmal gehört man eher zu Gott, aber nicht der Kirche – oder ich habe gehört, die Kirche sagt das und das und wenn man dann fragt: wer denn? Dann antwortet man: Ja die Priester sagen das halt. Aber die Kirche sind nicht nur die Priester, die Kirche sind wir alle. [Beifall] Und wenn du sagst, dass du an Gott glaubst, und nicht an die Kirche glaubst, dann heisst das soviel wie: Du glaubst dir selbst. Und das ist ein Widerspruch. Wir alle sind Kirche, von dem kleinen Kind an, das gerade getauft ist, bis zu Bischöfen, Papst, wir alle sind Kirche. Und wir sind alle gleich vor den Augen Gottes, wir alle! Wir sind alle berufen, am Wachstum von neuen Christen teilzuhaben. Wir sollen Erzieher im Glauben sein, das Evangelium verkünden, jeder von uns soll sich fragen: Was mach ich denn, damit andere auch den christlichen Glauben annehmen können? Bin ich fruchtbar in meinem Glauben oder bin ich verschlossen? Wenn ich wiederhole, dass ich eine Kirche liebe, die nicht geschlossen in ihrem Zaun ist, sondern die fähig ist hinauszugehen, sich zu bewegen, auch wenn’s vielleicht ein Risiko ist, um Christus einzubringen, dann denke ich alle, an dich, an mich, an jeden Christen. Wir alle nehmen an der Mutterschaft der Kirche teil, wir alle sind Kirche, damit das Licht Christi die äussersten Ende der Erde erreicht. Es lebe die heilige Mutter Kirche! Jetzt alle: Es lebe die heilige Mutter Kirche!

Weitere Hinweise und Quellen